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Interview mit Richard Brandes

Krimi-Autor, emon:s Verlag

Aktueller Roman: Nebel über der Uckermark



- Ich habe gelesen das Du Psychotherapeut bist, wie bist Du zum schreiben gekommen? Das liegt lange zurück. In den neunziger und nuller Jahren habe ich - neben meinem Hauptberuf als Psychotherapeut - unter meinem Klarnamen Ratgeber für einen großen Verlag geschrieben (Richard Brandes ist ein Pseudonym). Doch nach dem siebenten oder achten Buch hatte ich keine Lust mehr und wollte etwas anderes machen. Also habe ich eine Ausbildung zum Drehbuchautor absolviert und Krims fürs Fernsehen geschrieben. Es hat viel Spaß gemacht, aber es war auch der totale Stress, weil ich unter Zeitdruck Geschichten entwickeln musste. Nicht zu vergessen: Als Hauptberuf hatte ich noch eine psychotherapeutische Praxis zu führen. So musste ich mich irgendwann zwischen zwei Berufen entscheiden mit dem Ergebnis, dass ich das Drehbuchschreiben an den Nagel gehängt habe. Das war sehr schmerzhaft, das Schreiben fehlte mir. Jahre später habe ich erneut angefangen, indem ich in meiner Freizeit einen Kriminalroman geschrieben habe. Daraus wurde "Tod in der Schorfheide", Carla Stachs erster Fall. - Wie viel Zeit widmest Du dem schreiben, für mich hört sich das an, als hättest Du das Geheimnis zu mehr Zeit als 24 Stunden gefunden :-) Schön wär’s! Ich schreibe unter der Woche meistens in den Morgen- und Vormittagsstunden, weil ich erst am Nachmittag Praxistermine habe. Außerdem bin ich in der ersten Tageshälfte am kreativsten. Manchmal schreibe ich auch abends und natürlich am Wochenende, wenn es zeitlich passt. Wenn ich einmal in einer Story stecke, drängt es mich förmlich, daran zu arbeiten, das ist eine schöne Abwechslung zu meinem anderen Beruf, wie ein Hobby. Dafür sehe ich so gut wie nie fern. - In dem ersten Band Tod in der Schorfheide, sind mir sofort die Charaktere besonders positiv aufgefallen, auch dass sie nicht immer politisch korrekt sind. Bist Du dieses Risiko bewusst eingegangen, oder warum sind Deine Figuren so gestaltet. Wenn ich ehrlich bin: Ich mag politische Korrektheit nicht, sie macht Kunst und Kultur kaputt. Wenn ich immer achtgeben muss, niemanden zu beleidigen, kann ich keine packenden, wirklichkeitsnahen Geschichten schreiben. Wir leben in einer Zeit voller Befindlichkeiten, über die man sich als Autor hinwegsetzen muss, wenn man spannend erzählen will. Ich habe ein modernes Team entwickelt mit Carla als bisexueller Kommissarin, der Schwarzen Julia und dem Heteromann Maik, aber nicht, weil ich „woke“ sein wollte, wir mir manche Leser unterstellen, sondern weil ich die Vielfalt unserer Gesellschaft spiegeln will. "Tod in der Schorfheide“ zum Beispiel ist eine Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen-Klischees. Die unterschwellige Frage, die sich durch den gesamten Roman zieht, lautet: Stimmt es heutzutage noch, dass in gewalttätigen Mann-Frau-Beziehungen unweigerlich Frauen die Opfer und Männer die Täter sind? Oder kann es auch mal umgekehrt sein? Dafür musste ich einige Klischees bedienen, um sie im Laufe der Story zu widerlegen. Politisch korrekt ist der Roman nicht. - Ich habe auf Deinem Instergram gesehen, dass Du einen schönen schwarzen Kater hast, warum hast Du Dich dann für einen Dackel als Begleiter von Carla entschieden? Haha, weil man einen Kater niemals zu Ermittlungen mitnehmen könnte, so wie Carla das mit Bruno macht. Außerdem ist Carla eine Bekannte von mir, die für die Krimis als Vorlage herhalten muss. In Wirklichkeit heißt sie natürlich anders. Aber sie hatte einen Dackel namens Bruno, der inzwischen tot ist, der neue heißt Rudi. Carla und Bruno waren ein Herz und eine Seele, so wie es auch in den Geschichten erzählt wird. - Wer Deine Serie kennt, weiss das es mehrere Personen in Carlas Team gibt und dass in jedem Buch bisher eine andere Person im Zentrum stand, warum bist Du hier vom üblichen zweier Team (Carla und Ruben) abgewichen. In deinem ersten Buch dieser Serie hatte ich dies ein wenig so erwartet und bin positiv überrascht. Ich hatte das Ermittler-Team von Anfang an so konzipiert, dass es mehrere Perspektivfiguren gibt: Carla als die Hauptfigur, Maik als ihr engster Partner und Julia als Kommissarin der Vermisstenstelle. Die Storys werden aus der Sicht dieser drei Ermittler erzählt, wir tauchen als Leser in deren Gedanken und Gefühle ein. Ruben kam erst im zweiten Buch hinzu, er ist keine Perspektivfigur, hat aber dennoch eine wichtige Rolle als Julias Lebensgefährte. Wer weiß, vielleicht mache ich ihn irgendwann auch zu einer Perspektivfigur. Ich mag Romane, die mehrere Perspektivfiguren haben, weil es das Team lebendig macht, so wie zum Beipsiel bei Hjorth und Rosenfeldt das gesamte Team in den Sebastian-Bergmann-Krimis. - In wie weit nutzt Du Dein Wissen als Psychotherapeuten, für die Vielschichtigkeit der Personen? Fliesst das automatisch mit ein? Ja, das fließt automatisch mit ein, das kann ich gar nicht abstellen. Ich habe berufsbedingt einen bestimmten Blick auf Menschen, und so baue ich auch die Charaktere. Carla ist ein fürsorglicher, altruistischer Typ mit leicht narzisstischen Anteilen. Sie lässt sich von niemendem etwas sagen und kann sich nur schwer unterordnen, bietet aber Bedürftigen eine starke Schulter. Maik hat eine anhängliche Seite und kämpft um mehr Autonomie in seiner Beziehung zu Lydia. Aber ihm ist auch Anerkennung sehr wichtig, vor allem von Carla. Julia hat eine ausgeprägt selbstunsichere Struktur, die sich im Laufe der Geschichten ändert, denn sie wird zunehmend selbstbewusster. Ruben ist ein gewissenhafter, leicht zwanghafter Typ mit ebenfalls narzisstischen Anteilen. Mir hilft es, in diesen Kategorien zu denken, um mich in die Figuren hineinzuversetzen und mir immer wieder klarzumachen, warum sie sich so und so verhalten und nicht anders. - In Deinem neuen Roman „Nebel über der Uckermark“ steht im Zentrum eine Wahrsagerin, warst Du selbst schon einmal bei einer Wahrsagerin? Ein einziges Mal.. Allerdings hat sich die Wahrsagerin an einer Stelle verplappert, und es kam heraus, dass sie sich vorher im Internet über mich informiert hatte. Dennoch war das Kartendeck, das sie in meinem Beisein für mich gelegt hatte, erstaunlich zutreffend. Trotzdem: Wenn ich ernsthafte Probleme hätte, würde ich nicht zu einer Wahrsagerin oder einem Hellseher gehen. Dafür stehe ich dem Ganzen zu skeptisch gegenüber. - Glaubst Du an Übersinnliches? Zum Teil. Ich glaube, dass es Dinge gibt, die wir uns wissenschaftlich nicht erklären können. Wie kann es sein, dass Träume manchmal in die Zukunft weisen? Ich hatte mal als Kind von fünf Zahlen geträumt, zugleich erhielt ich die Botschaft, dass ich beim Pferdetoto diese Zahlen tippen soll. Daraufhin ließ ich meine Oma den Schein für mich abgeben und siehe da: vier Zahlen waren richtig, und zwar nicht nur die Zahlen an sich, sondern auch die Reihenfolge, in der die Pferde eingelaufen waren. Das war schon ein enormer Zufall, wenn es überhaupt einer war. Eintausendsiebenhundert D-Mark hatte ich gewonnen. Natürlich stellt sich die Frage, warum nicht auch die fünfte Zahl richtig gewesen war, damit haben mich dann alle aufgezogen. Seitdem begegne ich Übersinnlichem mit viel Respekt, und ich würde niemals behaupten, dass es diese Dinge nicht gibt. Ich glaube, dass neben unserer materiellen Welt noch andere Welten existieren und dass manche Menschen einen Zugang dazu haben. Ich gehöre nicht dazu. - Deine Bücher sind sehr Sphärisch, ich habe auch oft das Gefühl in einem Film oder einer Serie zu sein, so plastisch erscheint mir alles. Lässt Du Dich von Filmen inspirieren? Das liegt daran, dass ich vom Drehbuchschreiben komme. Meine Romane sind so aufgebaut wie ein Skript – in einer Drei-Akt-Struktur mit Sequenzen und Szenen. Die einzelnen Kapitel entsprechen oft Szenen in einem Film: Eine Figur will etwas, stößt auf allerhand Hindernisse und löst den Konflikt - Schnitt. Dann folgt die nächste Szene mit einem neuen Kapitel. So mag beim Lesen der Eindruck entstehen, einen Film zu sehen. - Dürfen wir uns auf weitere Romane mit Carla Stach freuen? Ich bin gerade dabei, nach einem neuen Stoff für das Team zu suchen. Ein paar Ideen habe ich schon im Kopf, aber welche ich am Ende verwirlkliche, habe ich noch nicht entschieden. Ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview.



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